Schauspieler Hans Sigl über den „Bergdoktor“ und seine Lesungen
Herr Sigl, am Mittwoch war Drehschluss für die 19. Staffel des „Bergdoktor“. Wie kommt es, dass Sie jetzt „Eine literarische Schlittenfahrt“ unternehmen, anstatt sich ein paar Wochen irgendwo in der Sonne zu aalen?
Hans Sigl: Ich liebe die Abwechslung. Und ich mag Lesungen sehr gern, bin etwa schon seit Jahren beim Bad Homburger Poesie & Literaturfestival dabei. Mir gefällt es, dieses etwas steife und verstaubte Format namens Lesung ein bisschen aufzubrechen, zwischendrin mit den Leuten zu schwätzen und alles so ein wenig lockerer anzugehen. Gerade vor Weihnachten kommt das Publikum oft eh schon gestresst an und braucht eine gewisse Erlösung vom Alltag und von der ganzen Überfrachtung der Weihnachtszeit. Und für mich ist dieser Austausch mit dem Publikum ein schöner Ausklang nach der Drehstaffel.

Sie lesen heiter-besinnliche Geschichten unter anderem von Rainer Maria Rilke, Hans Christian Andersen, Oscar Wilde oder Kurt Tucholsky. Haben Sie die Texte selbst ausgesucht?
Sigl: Ja, gemeinsam mit meiner Frau Susanne, die eine hervorragende dramaturgische Ader hat. Wir achten darauf, dass der Humor nicht zu kurz kommt, und natürlich singe ich auch das eine oder andere Lied. Meine Frau und ich, wir reisen auch zusammen und unternehmen sehr viel während dieser Tournee, gehen auf die tollen Weihnachtsmärkte, schlendern durch die Innenstädte und gönnen uns auch mal einen Glühwein. Aber nur einen! Ich muss ja noch auftreten. (lacht)
Am 22. Dezember ist ihr letzter Auftritt in Ingolstadt. Danach schnell heim an den Ammersee und den Baum schmücken?
Sigl: Ja, und dann genieße ich die letzten zwei Tage, bevor die Familie zusammenkommt. Wie jedes Jahr schreibe ich mein Weihnachtsgedicht, mit allem, was bei uns im Jahresverlauf so vorgefallen ist. Das hat etwas Kontemplatives. Man sitzt ein, zwei Stunden da und macht sich Gedanken über das Jahr. Das meiste entsteht dann sehr spontan.
Sie gehören Weihnachten also eher zur gelassenen Fraktion?
Sigl: Leute, die im Oktober sagen „Ich habe schon alle Geschenke“, die sind mir unheimlich. Ich schaue auf den Kalender und sehe, aha, Heiligabend ist an einem Mittwoch, da kann ich entspannt an dem Tag noch was besorgen. Hat auch den Vorteil, dass dann in den Geschäften nicht mehr ganz so viel los ist.
Was für Menschen erwarten Sie bei Ihren Lesungen?
Sigl: Von ganz klein bis alt ist alles dabei. Es kommt sehr viel junges Publikum. Das ist wirklich generationsübergreifend. Wir spannen den Bogen vom „Weihnachtsbaum“ von Hans Christian Andersen, einem Klassiker, mit dem ich aufgewachsen bin, bis zu einer Geschichte, die von der KI geschrieben wurde. Ich wünsche mir, dass die Leute alle gemeinsam lächeln können. Das hat schon was von einer therapeutischen Gruppensitzung. (lacht)
Was tun Sie, damit das „Bergdoktor“-Publikum nicht vergreist?
Sigl: Vergreisen? Wir sind alle zusammen 20 Jahre älter geworden. Das ist schön, aber die Sendung ist alles andere aus angestaubt, sie ist sehr aktuell, sehr modern, gerade auch in den Beziehungsgeschichten. Wir hatten da echt schon alles. Ein großes Glück ist auch meine Serientochter, die damals neun war, als wir anfingen, und die immer noch dabei ist. Durch sie haben wir ein hohes Identifikationspotential beim jungen Publikum.
Trotzdem hält sie das nicht davon ab, die jungen Menschen auch zu kritisieren, so wie neulich, als Sie sich über den Trend, Pudding mit der Gabel zu essen, lustig gemacht haben.
Sigl: Warum denn auch? Ich habe Haltung und Meinung, und die will ich natürlich kundtun. Die Jugend müsste sich viel klarer darüber werden, dass sie eine Kraft ist, wenn sie an einem Strang ziehen würde. In einer Welt, die sich so entwickelt wie unsere, brauchen wir die jungen Menschen. Klar kann man sich dann treffen und Pudding essen, aber ich verstehe nicht und finde es doof, wenn die junge Generation sagt, das sei ihr alles zu viel gerade mit der Politik, der Umwelt, der Zukunft als solcher. Ja, wen soll das denn sonst umtreiben?
Sie spielen den „Bergdoktor“ seit 2008. Nochmal 17 Jahre und Sie sind 73, was für einen Arzt ja kein Alter ist.
Sigl: Das ist richtig, aber ich glaube, verdoppeln werden sich diese 17 Jahre nicht mehr. Ich habe jetzt nochmal für zwei Jahre verlängert, ich liebe diese Rolle nach wie vor, aber es wird für mich auch noch ein Leben nach dem „Bergdoktor“ geben.
Hans Sigl (56) wurde als Schauspieler durch die Krimi-Serie „Soko Kitzbühel“ (2001-2006) bekannt, seit 2008 ist er im ZDF als „Der Bergdoktor“ zu sehen (neue Folgen ab 8. Januar). Sigl steht auch immer wieder als Moderator auf der Bühne. Der Österreicher ist verheiratet, aus einer früheren Beziehung hat er einen Sohn. Er lebt am Ammersee. Mit der Lese-Tour „Weiße Weihnacht“ gastiert er am 15. Dezember in Stuttgart.