Nach der Flucht aus der DDR fand Dr. Klaus Baeblich seine Heimat

Mit einem Auge noch schnell die soeben im Computer eingestellten Blutwerte überprüfen, mit dem anderen sich auf das Gespräch mit dem Patienten konzentrieren. Das hält Dr. Baeblich für wenig sinnvoll und lehnt einen Computer auf seinem Schreibtisch ab.
Mit einem Auge noch schnell die soeben im Computer eingestellten Blutwerte überprüfen, mit dem anderen sich auf das Gespräch mit dem Patienten konzentrieren. Das hält Dr. Baeblich für wenig sinnvoll und lehnt einen Computer auf seinem Schreibtisch ab. © Foto: Susanne Luley

Der Landarzt praktiziert seit 1976 in Ziegenhain. Seine dramatische Flucht im Kofferraum prägte sein Leben für immer.

Ziegenhain – Am 1. April 1976 öffnete der junge Allgemeinmediziner Dr. Klaus Baeblich die zuvor von Dr. Adler genutzten Praxisräume in der Wiederholdstraße in Schwalmstadt. Heute blickt er auf ein 50-jähriges Praxisbestehen zurück und erinnert sich: „Mein Vater war Tierarzt, meine Mutter Krankenschwester. So lag es doch auf der Hand, dass ich einen Beruf aus dem medizinischen Bereich wählen würde“, erläutert der 88-Jährige mit einem Zwinkern in den Augen.

Einmal in der Woche tut Dr. Klaus Baeblich in seinen Praxisräumen in der Wiederholdstraße noch Dienst am Menschen.
Einmal in der Woche tut Dr. Klaus Baeblich in seinen Praxisräumen in der Wiederholdstraße noch Dienst am Menschen. © Foto: Susanne Luley

Dabei war die Kindheit des jungen Baeblich nicht einfach. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde er mit seiner Mutter und seiner Schwester aus seiner Heimatstadt Breslau in Schlesien vertrieben und lebte vorübergehend in Magdeburg, bis der Vater 1947 aus der Gefangenschaft zurückkehrte und Arbeit suchte. Die fand dieser im Landkreis Stendal in Sachsen-Anhalt und die Familie zog ins dortige Schollene.

Nach der Grundschule besuchte Baeblich gemeinsam mit seiner Schwester die Oberschule in Tangermünde und studierte nach dem Abitur im Jahr 1956 zunächst in Leipzig, später in Magdeburg und Berlin Medizin. 1962 schloss er das Studium mit dem Examen an der Berliner Charité ab. Weitere Stationen folgten, bis Baeblich, der inzwischen verheiratet war, eine Praxis in Vinzelberg, einem Ortsteil der Hansestadt Stendal, angeboten bekam, da der dortige Arzt in den Westen geflohen war.

Fluchtjahr 1976

Dr. Baeblich und Ehefrau Susanne genossen die Zeit in Vinzelberg: „Ich übernahm eine Landpraxis mit 13 Dörfern“, lacht er, „das nächste Krankenhaus war 20 Kilometer entfernt. Ich konnte selbstständig und unabhängig arbeiten.“ 1960 und 1964 wurden Sohn Sören und Tochter Silke geboren; das Leben der Familie schien perfekt, bis Sören in seiner Schule verdächtigt wurde, West-Fernsehen zu schauen. „Wir bekamen den Auftrag, zukünftig positiv auf ihn einzuwirken, gleichzeitig stand die Familie unter Beobachtung“, erinnert sich der 88-Jährige. Schlussendlich verlor Baeblich ein zweites Mal seine Heimat, denn er und seine Familie flohen am 1. Februar 1976 jeweils im Kofferraum von zwei Fluchtautos aus der damaligen DDR zu einem Freund nach Offenbach am Main.

Neuanfang in der Schwalm

Eine Anfrage bei der Ärztekammer damals ergab, dass in Ziegenhain eine Praxis wegen der Erkrankung des Arztes aufgegeben werden musste und man nach einem Ersatz suchte. Ein Glücksfall für Familie Baeblich, die sich in Offenbach nicht sehr wohlgefühlt hatte. Das Wohnhaus in der Wiederholdstraße mit angrenzenden Praxisräumen schien perfekt für das Ehepaar mit den beiden Kindern. „Am 1. April 1976 eröffnete ich hier meine Praxis, und das war kein Aprilscherz“, schmunzelt Dr. Baeblich und weiß, dass anfangs nur die Nachbarn zur Behandlung kamen, später einige Patienten des Vorgängers, sodass sich das Wartezimmer peu à peu füllte.

Nach zwei Jahren begann Baeblich, Notfälle in der JVA Ziegenhain zu behandeln, aber auch diese Tätigkeit weitete sich aus: „Täglich war ich morgens von 7 bis 8.30 in der JVA, dann praktizierte ich hier in der Wiederholdstraße bis gegen 13.30 Uhr. Nach einer kurzen Mittagspause folgten die Hausbesuche und abends musste ich nochmal ins Gefängnis“, erinnert sich Baeblich, der Anfang dieses Jahrhunderts nach fast 25 Jahren Tätigkeit als hauptamtlicher Anstaltsarzt und Medizinaldirektor seine Aufgabe in der JVA beendete. Er weiß sehr wohl, dass diese Tage nicht immer leicht waren. „Ich bin ein unverbesserlicher Optimist und hatte trotz der manchmal hohen Arbeitsbelastung immer Freude an der Arbeit und hatte immer noch Zeit für den ein oder anderen Scherz,“ lacht der Ruheständler. „Einmal musste ich zu einer Patientin, um ihr eine Spritze zu verabreichen. Ich hatte auf dem Rezept ‚Brechampullen‘ verordnet. Als die Patientin das las, fragte sie, warum sie denn Brechampullen erhalte. Ihr sei doch schon schlecht.“ Noch heute freut er sich über diese Begegnung und ist froh, in der Schwalm mit ihren traditionsbewussten und offenen Menschen seine dritte Heimat gefunden zu haben.

Baeblich weiß wohl um die Sorgen, die zukünftige Landärzte haben, wenn sie eine Landarztpraxis übernehmen. Er kann es jedem raten, diesen Versuch zu wagen, denn man erhalte eine große Unabhängigkeit und müsse sich nur geringfügig unterordnen. Eine Gefahr für den Beruf sieht er in der Bürokratisierung, der Kommerzialisierung sowie der Diskriminierung in der Medizin, die darüber nachdenkt, inwieweit man alten Menschen noch teure Medikamente verordnen sollte. Das, so sein Rat an junge Mediziner, sollte man versuchen, nicht mitzumachen.

nen störungsfreien Austausch zwischen Arzt und Patient ist Dr. Baeblich besonders wichtig. Aus diesem Grund lehnt er einen Computer auf seinem Schreibtisch ab.
Ein störungsfreier Austausch zwischen Arzt und Patient ist Dr. Baeblich besonders wichtig. Deswegen lehnt er einen Computer auf seinem Schreibtisch ab. © Foto: Susanne Luley

Seit 2004/2005 ist Dr. Baeblich im Ruhestand, dennoch führt er seine Praxis als Privatpraxis weiter und steht jeden Donnerstag, gemeinsam mit seiner Arzthelferin, seinen Patienten zur Verfügung. „So ganz aufhören kann ich nicht, schließlich habe ich immer noch Freude an meiner Arbeit, und gleichzeitig lenke ich mich ein wenig ab“, sagt der sehr jung wirkende 88-Jährige. Besondere Wünsche für die Zukunft hat er nicht: „Ich hab‘ doch alles, es darf ruhig so weitergehen“, bilanziert er.

Eines steht fest – die Tradition des Arztberufs in der Familie Baeblich wird fortgesetzt: Tochter Silke arbeitet als Zahnärztin, Sohn Sören ist Dermatologe in Berlin und der Enkel schreibt bereits an seiner Dissertation und möchte Veterinärmediziner werden – genau wie sein Urgroßvater. (Susanne Luley)