Mehr als der Bergdoktor – Ein Abend mit Hans Sigl in München

Manchmal weiß man schon vor Beginn, dass ein Abend besonders wird. Nachdem wir Hans Sigl im Interview für unsere aktuelle Ausgabe hatten, war klar, dass wir auch seiner Lesung in München beiwohnen mussten – nicht aus Pflicht, sondern aus Neugier. Aus Respekt. Und vielleicht auch ein wenig aus Zuneigung für einen Künstler, der mehr ist als seine berühmteste Rolle. Schon beim Betreten des Saals am 10. Dezember spürt man diese leise Vorfreude. Und obwohl ein Reisebus mit 80 Gästen fehlt, ist der Abend fast ausverkauft. Das Publikum: eher älter, eher zurückhaltend – normalerweise. Aber an diesem Abend wird nichts „normal“ sein.

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Hans Sigl mit unserer Reporterin und der aktuellen TRENDYOne AusgabeBild: Nina Königs

Als das Mikro zu Beginn kurz versagt, lächelt Sigl nur, holt tief Luft und macht weiter – souverän, entspannt, charmant. Kein Ärger, keine Show-Anstrengung. Er baut die Situation einfach ein, verwandelt das technische Versagen in eine lustige Randnotiz. Und plötzlich weiß man wieder, dass dieser Mann mal im Impro-Theater gespielt hat: Er reagiert, er atmet mit dem Raum, er führt, ohne zu dominieren.

Schon die ersten Minuten zeigen: Hans Sigl ist Hans Sigl – nicht die TV-Figur, nicht die Marke, sondern ein echter Bühnenmensch, der nichts beweisen muss.

Ein Abend, der atmet: Musik, Literatur, Humor und Haltung

Das Programm ist weihnachtlich, aber nicht süßlich. Es ist warm ohne Kitsch, nachdenklich ohne Schwere. Sigl mischt Gedichte und Kurzgeschichten mit Jazz, Blues und klassischen Weihnachtsliedern – ja, er kann wirklich singen, und zwar mit Gefühl, Tiefe und echtem Spaß.

„Ich hätte nie gedacht, dass er so eine Stimme hat!“, flüstert eine Dame in der zweiten Reihe.

Direkt zu Beginn stimmt Sigl „O Tannenbaum“ an – und der ganze Saal singt mit. Ein seltener Moment. Ein ehrlicher Moment. Man hätte vorher nicht im Traum gedacht, dass dieses Publikum so schnell auftaut.

Die Band – nicht Begleitung, sondern Mit-Leuchtende

Am Flügel, am Bass, an den Drums: Sigls Band ist kein schmückendes Beiwerk, sondern ein wesentlicher Teil des Abends. Er stellt sie vor, gibt ihnen Raum, nickt ihnen zu, strahlt sie an.

Diese Wertschätzung – auch sie ist nicht selbstverständlich.

Man merkt: Er liebt, was er tut. Und er liebt die Menschen, mit denen er es tut.

Zwischen Andersen und Algorithmen

Zu den stärksten Momenten zählt Sigls Lesung einer tief bewegenden Geschichte von Hans Christian Andersen – die über einen Tannenbaum, der uns daran erinnert, wie wichtig es ist, im Moment zu leben statt in der Vergangenheit oder Zukunft. Ein stiller, berührender Abschnitt, der den Saal spürbar ruhiger macht.

Kurz darauf zeigt Sigl augenzwinkernd eine Geschichte, die eine KI geschrieben hat. Der Saal lacht.

Und in diesem Lachen liegt die Erkenntnis: Nichts ersetzt echte Literatur. Nichts ersetzt echte Worte. Nichts ersetzt Menschen, die erzählen.

Noch bevor man sich’s versieht, appelliert der Abend ganz nebenbei: Verschenkt Bücher. Echte.

Von Einsamkeit bis Cannabis – Sigl scheut nichts

Überraschend offen spricht Sigl über ernste Themen: Einsamkeit, Psychopharmaka, Alltagsfluchten. Das Publikum lacht nicht über, sondern mit ihm – wissend, verständnisvoll. Und dann, ganz beiläufig: Cannabis. Medikamente. Und am Ende sein augenzwinkernder Rat: „Gehen Sie spazieren.“

Ein Übergang, der so charmant ist, dass man erst später merkt, wie klug er war.

Ein Märchen, das keines ist – Sigl gegen Fremdenhass

Dann beginnt er eine Geschichte mit „Es war einmal…“ – und plötzlich wird es still.

Fast unheimlich still. Denn Sigl nutzt seine Stimme, seine Präsenz, um gegen Ungerechtigkeit, Engstirnigkeit und Fremdenhass zu sprechen.

Denn leider ist Fremdenhass kein Märchen!  Ein Gänsehautmoment, ehrlich und mutig – und irgendwie genau richtig für diese Zeit.

Wir werden daran erinnert: Ohne fremde Kultur wären wir nichts.

Zwischen Gelächter und Erkenntnis

Der Rest des Abends pendelt zwischen Humor und Tiefgang, zwischen Theateranekdoten, vertauschten Geschenken und der frohen Botschaft an alle Männer im Raum: „Das richtige Geschenk kann viel retten – das falsche viel zerstören.“ Bei der passenden geschichte dazu brüllt der Saal vor Lachen.

Er spricht über den Blick auf’s Handy, über verpasste Momente, über die Kunst, präsent zu sein. Und wie Recht er hat. Und wer sich fragt, warum dieser Bericht nicht mehr Fotos enthält hat hiermit seine Antwort.

Ein Finale fürs Herz

Zum Schluss wünscht Sigl uns mit leiser Stimme: „Have yourself a merry little Christmas.“ Der Unterton:

Schenken wir uns selbst Liebe. Dann bleibt genug für andere.

Unser Fazit

Ein Abend, der nie langweilig wurde, der uns lachen und denken ließ, der Musik, Literatur und Haltung miteinander verband.

Hans Sigl ist viel mehr als der Bergdoktor.

Er ist ein Erzähler. Ein Musiker. Ein Mensch mit klarem Blick, wachem Geist und warmem Herzen.

Einer, der weiß, wie man Menschen erreicht – ob mit Blues, mit Andersen oder mit stillen Wahrheiten.

Am Ende gehen wir beschwingt hinaus in die kalte Münchner Nacht.

Ein wenig nachdenklicher. Ein wenig leichter. Und vor allem: bereichert.